das geliebte Glück

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Es war ein warmer Frühlingsabend. Über uns leuchtete der Sternenhimmel und es duftete nach brennendem Holz – mein Lieblingsgeruch. Wir saßen um das Lagerfeuer herum, tranken Erdbeerbowle und spielten Wahrheit oder Pflicht – ein Spiel, das ich gleichzeitig aufregend und angsteinjagend finde. Ich erinnere mich nur vage, was davor und danach passierte, aber sehr gut daran, dass ich irgendwann an der Reihe war und mich für Wahrheit entschieden hatte. Von mir zu erzählen war mir in dem Moment lieber als eine mir unbekannte Aktion durchzuführen.

„Bist du glücklich?“, fragte mich mein guter Freund wohlüberlegt und ließ meine Herzfrequenz sofort steigern. Für mich ist kaum ein anderes Thema so spannend wie das Glück, denn wenn ich mich damit beschäftige, führen mich meine Gedanken automatisch zu der Frage nach dem Sinn des Lebens, zu der Selbstliebe und der Freiheit – Dinge, über die ich stundenlang philosophieren könnte. Aber so gern ich darüber nachdenke und spreche, so schwer fällt mir jedes Mal die Antwort. Wann bin ich glücklich? Was unterscheidet Glück von Zufriedenheit? Wie lange muss der Zustand anhalten, damit ich wirklich sagen kann „Jetzt bin ich glücklich“? Bin ich glücklich?

Es gab Zeiten, in denen hätte ich ohne zu überlegen die Frage mit einem eindeutigen Nein beantworten können. Das Unglück erkennt man eben viel leichter als sein Gegenteil. Ähnlich ist die Frage nach der Liebe – man weiß nicht immer, ob man jemanden liebt, doch wenn man das nicht tut, weiß man es sofort. Aber wenn man nicht unglücklich ist, soll man sich dann Gedanken darüber machen, ob man glücklich ist? Läuft man dabei nicht Gefahr, Gründe zu finden, die sein Unglücklichsein belegen?

Happiness is a warm blanket, Charlie Brown kommt mir stets in den Sinn, wenn ich an das Glück denke. Eine warme Decke in einer kalten Nacht, der Geruch von gerösteten Kastanien, heiße Schokolade mit Marshmallow und Zimt, der Duft des Frühlings, ein Feld voller Mohnblüten, ein Song, der so gut ist, dass er den ganzen Körper elektrisiert… So einfach könnte es sein, ist es aber meistens leider nicht. Denn man kann nicht ewig unter der warmen Decke liegen, man kann nicht alle Jahreszeiten auf einem Mohnfeld verbringen. Wenn die Blumen verwelken und der Plattenspieler stehen bleibt, kommt die Realität wieder und dort hat der Mensch tiefer gehende Wünsche und Bedürfnisse, von denen manche unerreichbar bleiben. Und wenn ein Wunsch in Erfüllung geht, wartet schon der nächste am Horizont, denn man entwickelt sich – zum Glück – immer weiter und mit jeder Entwicklung ändert sich das gesamte Leben auch mit. Was gestern der größte Traum war, kann heute schon unbedeutend sein. Es ist natürlich ein Privileg, mehr wollen zu können als nur die elementaren Bedürfnisse zu stillen. Aber der Mensch darf doch Träume haben, die übers Überleben hinausgehen, schließlich will man ja nicht nur existieren. Und vielleicht soll das so sein. Vielleicht soll der Mensch nie aufhören, das Leben und die Welt ein Stück besser gestalten zu wollen. Vielleicht soll die Suche nach dem Sinn des Lebens nie aufhören. Die Kunst dabei ist, den Moment auszukosten, wenn man den Sinn des Lebensabschnitts gefunden hat.

Das ist auch das, wozu Experten raten: Etwas zu finden, was man liebt und das dann machen. Demnach bedeutet Glück, eine Tätigkeit aus Leidenschaft auszuüben und diese zu genießen, ohne dass sie einen Zweck erfüllen muss. Beispielsweise, wenn eine Person zum Pinsel greift, weil Malen ihr so viel Freude bereitet, dass sie sich darin verliert – ohne überhaupt die Ambition zu haben, ein*e erfolgreiche*r Künstler*in zu werden und Bilder teuer zu verkaufen – dann ist das Malen ihre Quelle zum Glück. Und meistens wird das Glücksgefühl durch den Erfolg nachhaltig gestärkt, denn wer mit Leidenschaft etwas macht, der kann nur gut werden.

Manche sagen, der Schlüssel zum Glück sei die Selbstliebe. Das heißt, Ja zu allem sagen, was einem gut tut und Nein zu allem, was das Glücksgefühl mindert. Für sich selbst einstehen, auch wenn es manchmal sehr schwer fällt. Sein Leben regelmäßig aufräumen und sich von allem freimachen, was einen belastet: toxische Beziehungen, unerfüllte Jobs, der Wunsch, es allen immer recht zu machen…

Glücklichsein will, wie alles andere im Leben, gelernt sein. Wenn es zwischendurch mal nicht klappt, ist es auch kein Grund zur Verzweiflung, denn das Leben ist ein Prozess und es ist allbekannt, dass Glück ohne Unglück nicht existieren kann. Auf Regen folgt Sonnenschein und man darf sich am wunderschönen Regenbogen mit allen Farben des Glücks erfreuen.

Wenn ich zurückblicke, war mein Leben schon immer sehr ereignisreich, wobei das nicht immer positiv ist, doch ich weiß, dass ich nicht unglücklich bin. Und manchmal, wenn der Mond über mir scheint, wenn ich die Wärme meiner Freunde spüren kann und wenn mir der Gedanke an bestimmte Dinge ein Lächeln ins Gesicht zaubert, dann kann ich auch mal auf die Frage, ob ich glücklich bin, mit einem klaren „Ja“ antworten.

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