der „nette“ Rassist

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Es gibt wahrscheinlich im Leben jedes Einzelnen eine Person, die man nicht mag, aber trotzdem immer wieder unfreiwillig trifft, sei es bei der Arbeit oder bei gemeinsamen Freunden. Für mich war es viele Jahre Stefan, der beste Freund des Mannes meiner guten Freundin. Stefan war bei den meisten sehr beliebt, weil er „witzig, umgänglich und unkompliziert“ war – bei mir nicht. Sein Humor bestand darin, sich über andere lustig zu machen: Frauen, andere Bevölkerungsgruppen, Homosexuelle, Übergewichtige… Begriffe wie „schwul“, „behindert“ oder „Mongo“ benutzte er als Beleidigung. Er war unreflektiert, ignorant und rücksichtslos, aber die andern lachten mit ihm und mochten ihn, denn er meine es nicht böse und solange man es nicht böse meine, dürfe man alles sagen.

Stefan fiel mir bereits bei unserer ersten Begegnung – der Einweihungsparty des Paares – unangenehm auf. Er begrüßte mich mit Lucy Liu und interessierte sich für nichts anderes als meine Herkunft und alles, was damit zu tun hat: Ob ich vorhabe, wieder zurückzugehen; ob ich Brot kenne, denn soweit er wisse, aß man in Asien kein Brot; ob ich Chinesisch oder andere asiatische Sprachen spreche; wie feiere man in Vietnam Partys… Er machte meine äußeren Merkmale zum Mittelpunkt des Abends, war aber die ganze Zeit der Redende und ließ kein Gespräch zu anderen Themen zu. Dass ich mich unwohl gefühlt hatte, so auseinander genommen zu werden, tat er mit einem „Ach, du musst deine Identität doch nicht verstecken. Wir sind hier alle tolerant“ ab. Und dann redete er davon, wie angenehm ruhig, entspannt, freundlich und harmonisch die Asiaten seien. Dagegen fand er die Türken, die Polen oder die Russen so aggressiv und kriminell… Als ich irgendwann dazu kam, endlich einen Satz zu sagen, kommentierte er, wie gut mein Deutsch sei und ob ich noch zu einem Deutschkurs ging. Dass ich zu dem Zeitpunkt studiert hatte, fand er „untypisch“, denn die meisten asiatischen Frauen, die er kannte, arbeiteten in Nägelstudios. „Aber es ist ja auch mal nett, wenn eine Frau studiert. Dann kannst du dich auch gescheit mit der unterhalten.“

Es folgten Partys, bei denen Stefan lauthals Witze über Frauen, Vergewaltigung, Vegane, Juden, Frauen, Ausländer und wieder Frauen gerissen und mit klischeehaften Vorurteilen um sich geworfen hatte. Jeder Hinweis auf seine diskriminierende und respektlose Art wurde belächelt und mit dem „Tipp“, sich zu entspannen erwidert. Eines Tages entschied ich mich, nicht mehr zu Treffen zu gehen, bei den Stefan auch war. Unterm Strich bedeutete dies, dass ich mich nur noch allein mit der Freundin getroffen hatte, denn Stefan war überall.

Sieben Jahre später fiel sein Name plötzlich bei einem unserer Gespräche. Die Freundin fragte, ob ich mich noch an ihn erinnere – als könnte ich seine schrecklichen „Witze“ jemals vergessen. Sie sagte, ich würde es nicht glauben, aber er sei jetzt ein komplett anderer Mensch. Sie wisse nicht, was ihn genau verändert hatte – er war zwischendurch im Ausland, hatte Philosophie studiert und eine wunderbare Frau kennengelernt: Feministin, Veganerin, Umweltschützerin, klug, gebildet, reflektiert und respektvoll – Eigenschaften, die sie an ihn weitergegeben hat. Mittlerweile wählt er „sogar“ die Grünen.

Obwohl ich ihn damals verachtet hatte und mir die neue Version von ihm nur schwer vorstellen konnte, habe ich mich riesig gefreut. Für ihn und für uns alle. Es ist hoffnungsvoll zu sehen, dass Menschen sich ändern können und ich dachte, wenn Stefan es geschafft hat, dann sind wir noch nicht verloren.

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