vor der Apokalypse

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diese Besserwisser.
Sie scheitern immer wieder beim Versuch, den Zeitpunkt der Apokalypse zu bestimmen.
Und in unserem jugendlichen Leichtsinn haben wir uns noch auf den Tod gefreut. All die Vorsätze, die wir vergeblich eingehalten haben, machen nun die Tage sinnlos, die uns nach dem nicht eingetretenen Weltuntergang noch bleiben. Denn damit haben wir nicht gerechnet. Wir haben keinen blassen Schimmer, wie es mit dem Rest unseres Lebens weitergehen soll, wenn der kollektive Tod an uns vorbei schlendert und uns zurücklässt. Der Termin steht immer noch rot und fett im Kalender. Für das, was danach kommt, gibt es keinen Kalender mehr. Davor trafen wir uns und schmiedeten Pläne, machten Berechnungen, tauschten unsere vorapokalyptischen Gedanken aus. Schade, dass es mit uns zu Ende geht, sagten wir und nickten, um uns gegenseitig zu trösten. Aber vielleicht gibt es einen Grund, dass wir alle sterben. Vielleicht soll das so sein?
(Als bliebe uns etwas anderes übrig, als unser Schicksal zu akzeptieren.)

Zum Todestag trafen wir uns. Wir konnten uns nicht entscheiden, ob wir Nudeln mit Tomatensoße oder Pizza essen möchten. Die letzte Mahlzeit soll wohlüberlegt gewählt sein.
Wie wär es mit beidem? Was spricht dagegen, dass wir beides essen? Völlerei ist eine Todsünde. Genügsamkeit eine Tugend. Aber wir sterben doch sowieso. Möchtest du in die Hölle kommen? Der Weg dahin führt über einen mit Dornen besetzten Regenbogen, habe ich mal irgendwo gehört. Du magst Dornen ja nicht. Ich glaube nicht an die Hölle. Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod. Mit dem Tod hören wir auf, alles zu tun, zu haben, zu sein. Also gönne ich uns noch einen letzten perfekten Tag mit allem, was das Leben lebenswert macht.

Zum Todestag trugen wir unsere Lieblingskleidung und unseren besten Schmuck um dem Tod feierlich entgegen zu treten. Wir horchten nach einem Zeichen, schauten ungeduldig auf die Uhr und flüsterten uns zu, wie sich das Ende auf unseren Körper bemerkbar macht. Ob wir unsere Körper verlassen werden? Ob unsere Seelen zur nächsten Galaxie fliegen werden um dort eine neue Zivilisation zu gründen? Ob wir uns ohne diese Hüllen wiedererkennen? Ob wir füreinander immer noch austauschbar sein würden wie in dieser großen Welt voller Möglichkeiten? Ob unsere Seelen sich an die Melancholie erinnern, die dieses Leben umhüllt? Wir beschloßen, alles aufzuschreiben, was uns ausmacht in der Hoffnung, für die Ewigkeit sein zu können und uns gleichzeitig von unserem irdischen Ich zu verabschieden. Schließlich wird uns vorerst nichts bleiben. Vor allem wir selbst werden uns verloren gegangen sein.

Wir lagen rücklings auf dem Boden, hielten Händchen und schwiegen. Unsere Köpfe waren mit wirren Bildern und Gedanken gefüllt. Schreiben ist eine Kopfsache, selbst wenn wir über Gefühle schreiben. Die Gefühle werden erst gefiltert und auf Worte reduziert, die vorhanden sind. Wo bleiben die Gefühle, für die es keine Worte gibt? In meiner Vorstellung verlassen sie unsere Körper und bilden ein unsichtbares Gemälde. Wir bleiben so lange reglos liegen, bis die Gemälde trocken sind. Schreiben ist ein Privileg. Das ist für Menschen, die nicht mehr ums Überleben kämpfen müssen. Wir müssen nicht mehr kämpfen, weil wir bereits verloren sind.

Wir schrieben unsere sehnlichsten Wünsche auf und malten sie angesichts des Todes schwarz an. Schwarz wie die Summe aller Farben. Schwarz wie die Abwesenheit von Licht. Schwarz wie das Ende der Hoffnung. Schwarz wie das, was übrig bleibt, wenn alles niedergebrannt ist. Schwarzmalerei.
(Denn manchmal gehen Wünsche nicht in Erfüllung, egal, wie sehr man etwas will. Manchmal spielt es keine Rolle, dass man nur das will. Und manchmal redet man sich ein, dass man das nicht verdient hat, was man will, um leichter darüber hinwegzukommen – tut das in Wirklichkeit aber nicht.)

Wir schrieben unsere höchsten Erwartungen auf, die wir an das Leben gestellt haben. Erwartungen, die sich erfüllt haben und solche, die enttäuscht worden sind. Vielleicht ist das Leben zu fragil und die Last zu groß, die wir ihm aufbürden. Vielleicht entscheidet sich das Leben deshalb, aufzugeben und die Apokalypse herbeizuführen. Vielleicht handelt es sich dabei um einen Pakt mit dem Teufel um sich bei uns Menschen zu rächen. Aber für uns ist es zu spät um daraus zu lernen.

Wir schrieben das beklemmendste Gefühl auf und nennen es Liebe. Hat jemals jemand das Wort begriffen?

l. i. e. b. e.

oder

e. b. l. e. i.

E-Blei – wie Blei, nur elektronisch. Chemisches Zeichen Pb. Plumbum. Blei ist schwer, E-Blei ist digital und braucht Strom zum Existieren. Stromerzeugung belastet die Umwelt. Liebe belastet die Umwelt. Liebe führt unter Umständen zum Tod, aber davor foltert sie uns in ihrem kleinen, dunklen Kämmerchen, in welchem niemand unsere Schreie hört. In welchem niemand unsere Tränen sieht. Aber wir halten uns an unserer Vorstellung von ihr fest, während wir uns selbst sanft in den Abgrund stürzen.

Wir schrieben unsere dümmsten Fehler auf und versuchten sie zu relativieren, indem wir sagten, dass sie, wenn wir sie verkörperlichen und vom Weltall aus darauf schauen, nicht mehr zu erkennen sind – wie alles, was sich auf der Erde befindet. Wir versuchten auszumalen, wie unser Leben verlaufen wäre, wenn wir immer die richtige Entscheidung getroffen hätten, was wir alles nicht verloren hätten und wie viel Ärger uns erspart geblieben wäre. Doch was hätten wir ohne die verpassten Chancen verpasst? Welche Fehler hätten wir ohne diese Fehler gemacht? Wäre vielleicht alles schlimmer geworden? In einem Paralleluniversum passiert vielleicht genau das, wofür wir in diesem Universum nicht den Mut gehabt haben. Vielleicht können wir nach dem Tod das Leben nochmal leben, aber anders. Nach dem Tod kommen wir in ein Paralleluniversum.

Wir schrieben unsere einsamsten Stunden auf und trösteten uns damit, dass am Ende alles gut wird, denn wenn nicht alles gut ist, ist das nicht das Ende. Am Ende werden all die Schmerzen und die Enttäuschungen nur noch Narben sein, die verblassen. Wir werden alles überlebt haben und vielleicht werden wir stärker geworden sein.
(Denn man muss erst auseinander fallen um zu sich selbst zu finden.)
Wir überleben alles, auch wenn nicht den Tod. Den Tod überlebt man nicht, aber am Ende wird alles einen Sinn ergeben.

Wir schrieben unsere schönsten Träume auf und versuchten, sie auf den letzten Drücker Wirklichkeit werden zu lassen, bevor wir gemeinsam sterben. Wir versuchten aus Blei Gold zu machen, aus E-Blei E-Gold, ohne die richtige Formel gekannt zu haben. Denn wir sind keine Alchimisten. Aber das Leben ist erst lebenswert, wenn wir unsere Träume verwirklichen können. Und die letzten Momente des Lebens sind besonders bedeutungsvoll.
(Hätten wir doch früher damit angefangen. Unmittelbar vor dem Tod so viel Bedeutungsvolles zu tun ist unzumutbar.)

Wir schrieben unsere edelsten Absichten auf und schoßen sie in den Himmel. Vielleicht stoßen sie wirklich auf die nächste Galaxie. Vielleicht treffen wir uns in 2,5 Millionen Lichtjahren in Andromeda wieder. Dann werden wir auf einem Stern sitzen und auf die Stelle hinab schauen, an der die Erde einst war. Dann werden wir alles vergessen haben. Oder aber vielleicht bleibt uns der Geschmack von Pizza und Nudeln mit Tomatensoße noch auf der Zunge?

Und dann enttäuschte uns die Apokalypse, indem sie nicht auftauchte. Nächstes Mal vielleicht. Aber für das Miterleben des nächsten Weltuntergangs sind wir vielleicht schon zu alt. Vielleicht sollten wir uns einfrieren lassen um das Ende mitzuerleben. Vielleicht sollten wir uns intensiver mit der Zeitdilatation auseinandersetzen um eine Reise in die Zukunft zu ermöglichen. Alles, was man über die Menschheit wissen muss ist, dass wir nicht in der Lage sind, die Zeit anzuhalten. Ich habe wenig Verständnis von Zeit als vierte Dimension, aber vielleicht spielt das gerade keine Rolle. Vielleicht ist die Welt bereits untergegangen. Vielleicht sind wir bei der letzten Apokalypse gestorben und sind schon längst in der Hölle gelandet. Auch wenn wir uns weigern, an die Hölle zu glauben.

(Und jedes Mal, wenn wir glauben, diesmal wird es klappen, werden wir wieder enttäuscht sein und mit jedem Mal wird die Hoffnung kleiner und die Gleichgültigkeit größer.)

Ein Kommentar

  1. Nach langem Warten, viel fruchtlosem und verschwenderischem Herumprobieren hat dann doch direkt neben meiner Wohnstatt ein Laden mit echter, neapolitanischer Pizza aus dem 400-Grad-Höllenglutofen aufgemacht. Jetzt hat sich alles Schicksal erfüllt. Aber bis dahin war es ein Leben voll Zweifel und verzweifeltem Warten. Ja.

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