für immer „die Asiatin“

A0E0630C-4630-4FAE-AAB9-77D686D804FCAm Abend vor meinem 34. Geburtstag ließ ich mir erzählen, dass Rassismus und Sexismus keine echten Probleme seien, dass die Diskriminierungen, die mir widerfahren sind, bestimmt nichts mit meinem Geschlecht oder meiner Hautfarbe zu tun haben und dass das lächerlich sei, wie zwanghaft ich in die Sache hineinsteigere, denn es gäbe Wichtigeres auf der Welt. Die Person – ein weißer, heterosexueller Mann – war der Meinung, dass der Aktivismus eine Modeerscheinung ist, bei der Menschen sich zugehörig fühlen, die sonst nichts anderes im Leben haben. Ich habe lange diskutiert, Statistiken genannt und von Erfahrungen berichtet, die letztendlich angezweifelt oder für eine Interpretationssache erklärt wurden. Ich wurde als zu empfindlich bezeichnet und sollte mich beruhigen. Ich habe mich leider bis in meinen Geburtstag hinein gestritten.

Ich bin es leid, nochmal auf Gender Pay Gap, Mansplaining, Catcalling, Vergewaltigung, Femizid, Alltagssexismus/ -rassismus, Mikroaggression, Othering, institutionellen Rassismus wie Racial Profiling und unzählige andere Missstände aufmerksam zu machen. Ich bin es leid, privilegierte Menschen davon zu überzeugen, dass wir, die Marginalisierten, nicht gern die Opferrolle einnehmen, sondern dass sie ignorant sind und ihre Privilegien für so selbstverständlich halten, dass sie sich nicht schämen sich hinzustellen und zu behaupten: „Sexismus und Rassismus habe ich in Deutschland noch nie erlebt.“ Ich bin es leid, mich rechtfertigen zu müssen, dass ich weder Männer allgemein noch Deutsche oder Weiße hasse, nur weil ich diese auf ihr Fehlverhalten hinweise. Und für alle, die zu diesen Themen nur genervt die Augen verdrehen können: „Herzlichen Glückwunsch zu eurer fehlenden Empathie und Solidarität!“

Den Aktivismus gegen Sexismus und Rassismus als Modeerscheinung zu bezeichnen, ist meiner Meinung nach das Unverschämteste, Unreflektierteste und Ignoranteste, was man diesbezüglich sagen kann. Es ist kein Trend, auf strukturelle Probleme hinzuweisen und dagegen zu kämpfen. Die Missstände waren schon immer da und sie werden noch lange bleiben, wenn nicht alle laut werden und gemeinsam systematischen Rassismus sowie Sexismus zerstören. Der traurigste Satz, den ich zum Thema gehört habe, war: „Feminismus interessiert mich nicht so sehr, weil ich schwul und nicht betroffen bin.“ Mich betrifft die Diskriminierung gegen homosexuelle, alte Menschen oder Menschen mit Behinderung auch nicht. Aber ich würde mich zum Grund und Boden schämen, wenn ich Homo- sowie Transfeindlichkeit, Ableismus und Ageismus tolerieren würde. Wie könnte es jemanden nicht interessieren, dass bestimmte Menschengruppen marginalisiert und systematisch diskriminiert werden? In was für eine Gesellschaft würden wir leben, wenn wir alle bei Ungerechtigkeiten wegschauen, weil wir auf dem ersten Blick keinen persönlichen Nachteil sehen.

Wenn ich über Rassismus rede, höre ich manchmal: „Das ist so unsinnig, dich zu diskriminieren. Du hast ja den deutschen Pass!“ Was für eine unsinnige Aussage? Ich wäre immer noch ich, wenn ich den deutschen Pass nicht hätte. Macht mich der deutsche Pass besser als alle, die in Deutschland leben und ihn nicht haben? NEIN! Warum soll ein Stück Papier darüber entscheiden, ob ein Mensch mit Respekt und gerecht behandelt werden soll? Hat man das Recht, jemanden ohne deutschen Pass zu dehumanisieren und abzuwerten? Warum macht man überhaupt so eine Unterscheidung? Und warum macht man eine Unterscheidung zwischen Menschen, die deutsch aussehen und jenen, die das nicht tun? Als ich vor Jahren mal ein Praktikum gemacht habe, wurde ich konsequent von einem Mann in Führungsposition „die Asiatin“ genannt. Ich habe einen Namen und ich bin so vieles. Ich bin Schreiberin, Malerin, Schachspielerin, Hobbyfotografin, Jazzliebhaberin, Träumerin, Aktivistin, Kultur-, Literatur- und Kunstwissenschaftlerin, Online-Redakteurin, Tochter, Schwester, Freundin, Steuerzahlerin u.v.m., aber alles, was er sah war mein äußerstes Merkmal, weil er zu faul war, sich meinen Namen zu merken und mich kennenzulernen. Es war leichter für ihn, sich auf seine Augen zu verlassen und mich auf das zu reduzieren, was ihm als erstes in den Sinn kam. Es gibt in Asien 47 anerkannte Staaten und die Menschen darin können nicht unterschiedlicher sein, aber wozu sich die Mühe machen und Menschen als Individuen und mit Respekt behandeln, wenn man sie in einen Topf werfen kann.

Neulich kommentierte jemand unter einem meiner Tweets zum Thema Rassismus, dass ich doch zurückgehen soll, wenn es mir hier nicht passt. Ja, vielleicht verlasse ich irgendwann Deutschland, vielleicht gehe ich nach Vietnam oder irgendwo, wo mein Aussehen kein Aufhänger mehr für eine Diskussion über „asiatisches Essen“ sein wird. Aber wenn ich gehe, dann weil ich das möchte und nicht, um Rassist*innen einen Gefallen zu tun. Das ist meine freie Entscheidung zu bleiben oder zu gehen, aber wenn ich gehe, dann werden diese Leute etwas neues finden, was sie hassen können. Aber ich schätze, selbst dann wäre ihnen nicht klar, dass sie selbst das Problem sind.

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