Katerstimmung

Berlin-Mitte. Ich saß in einem Innenhof zwischen Literaturinteressent*innen und lauschte gespannt dem Vortrag einer Herausgeberin. Seit Corona war es das erste Mal, dass ich eine kulturelle Veranstaltung besucht habe – umso mehr habe ich mich gefreut, eines der wenigen Tickets ergattert zu haben. Das Event fand draußen statt und zwischen den Besucher*innen sowie den Diskutant*innen wurde reichlich Abstand eingehalten. Um uns vor herabfallenden Kastanien zu schützen, wurden zu Beginn des Abends Regenschirme verteilt. Die Stimmung war gut, auch wenn das Thema sensibel und kontrovers war.

Bevor ich hingegangen bin, war ich hin- und hergerissen und konnte mich nicht entscheiden, welche Position ich vertrete. Ich war auf die Argumente neugierig, aber auch auf die Autor*innen. Bereits nach dem Vortrag wurde klar, dass die diskutierenden Gäst*innen alle einer Meinung sind, dennoch war die Debatte weiterhin anregend und die Argumente für mich nachvollziehbar. Am Ende ging ich mit einem undefinierbaren Gefühl und tausend Gedanken nach Hause.

Am nächsten Tag wachte ich mit einem Kater auf, der weniger vom Alkohol verursacht war, sondern vielmehr einer Unzufriedenheit glich, die Jean Paul so schön „Weltschmerz“ nannte. Was ich auch versuchte, ich konnte mir zunächst nicht erklären, woher dieses Gefühl kam. Ich habe weder den Inhalt des Vortrages noch den der Diskussion abgelehnt.

Dann kam die Vermutung, dass nicht die Debatte selbst und die Argumente mein Problem waren, sondern das uneigentliche, sekundäre Thema: die soziale Ungleichheit, die Ungerechtigkeiten, das Leid der Anderen. Natürlich war es nicht das erste Mal, dass ich mir Gedanken darüber mache. Der Weltschmerz war schon immer da, er wurde nach diesem Abend nur stärker, weil ein neuer Pessimismus dazu gekommen ist: Es wird über die Missstände der Welt geschrieben, es wird darüber gelesen und Mitgefühle werden im privaten oder öffentlichen Rahmen verkündet. Doch nach kurzer Zeit werden wir alles vergessen haben. Weil neue Probleme hinzugekommen sind, weil die Ungerechtigkeiten nicht in unserem Umfeld passiert sind und wir uns nicht mehr damit konfrontieren müssen. Das Leid bleibt und niemandem ist geholfen… Das war das, was ich dachte, aber natürlich stimmte das so nicht. Indem darüber geschrieben wird, werden die Probleme sichtbar gemacht und Solidarität gezeigt. Aber reicht es, wenn ein Teil hilft, ein Teil darüber schreibt, ein Teil die Augen verschließt und ein Teil sich aktiv am Problem beteiligt? Oft fragen Freund*innen und ich uns, was wir machen können um „die Anderen“ mit ins Boot zu holen um gemeinsam für eine bessere Welt zu kämpfen, aber unser Erfolg ist so klein und wir fühlen uns klein. Wie Schopenhauer so traurig formulierte: „Bei gleicher Umgebung lebt doch jeder in einer anderen Welt.“ Für Pessimist*innen ist das Glas immer halbleer, aber ist das zur Zeit nicht auch für Realist*innen?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s