warum gönnst du dir nicht eine Runde Nachdenken?

Als ich mit meinem Roman angefangen habe, ging ich zu einigen Workshops und Treffen um mir Tipps für das Schreiben einzuholen und mich auszutauschen. Bei einem dieser Abende stellte uns eine Person – nennen wir sie Maria – die Idee für ihren Debütroman vor und erzählte, dass sie zuvor in einem Forum einen „Shitstorm„ wegen literarischer Aneignung bekommen hatte. Sie fragte uns, wie wir darüber denken. Einer der Teilnehmer – nennen wir ihn Paul – war sichtlich verwirrt und fragte, was mit literarischer Aneignung gemeint war. Maria erklärte, dass ihre Protagonistin eine Schwarze Frau ist, die in Deutschland mit Rassismus kämpfen muss. Marias Kritiker*innen warfen ihr vor, von Erfahrungen zu schreiben, die nicht ihre eigenen sind und sich dadurch von der Diskriminierung gegenüber People of Color profitieren zu wollen. Noch bevor sie ihren Satz beendet hatte, regte sich Paul auf: „Wie bescheuert ist das denn? Ich darf doch schreiben, was ich will. Die Leute finden heutzutage überall ein Problem.“ Paul war nicht Schwarz.

Wie seine Meinung zu bewerten ist, wäre eine komplett andere Diskussion. Was mich zunächst störte war, wie schnell er diese gebildet hatte. An diesem Abend sagte er auch, dass er sich noch nie damit beschäftigt hatte, weil diese Debatte ihm nicht bekannt war. Doch statt zu sagen: „Ich möchte mir Zeit nehmen um mich darüber zu informieren und eine fundierte Meinung zu bilden“, lehnte er sofort ab, was sich für ihn unbequem und unvorteilhaft anhörte. Dass eventuell andere Bevölkerungsgruppen unter seiner Entscheidung leiden könnten und wie dies zu begründen ist, wäre ihm offenbar in diesem Moment egal. Traurigerweise begegne ich Menschen wie Paul fast täglich, ob im realen Leben oder online. Menschen, die nicht informiert sind, aber glauben, sofort eine Gegenmeinung haben zu müssen und diese auch lautstark verteidigen: Beispielsweise Menschen, die noch nie einen Podcast gehört haben, aber sagen, dass da doch nur Schwachsinn geredet wird. Menschen, die behaupten, dass man gegen den Klimawandel nichts machen kann, obwohl sie sich für das Thema noch nie interessiert haben. Menschen, die Gendern lächerlich finden, aber sich nicht die Mühe machen, darüber nachzudenken, warum Gendern wichtig ist. Menschen, die dagegen sind, dass rassistische Straßennamen geändert werden, weil es sich für sie umständlich anhört… Und ich denke jedes Mal: Findest du nicht, dass du sehr viel verpasst indem du dich weigerst, dir ernsthaft Gedanken zu machen? Die Welt verändert sich jeden Tag und es ist für niemanden vorteilhaft, wenn du dich an allem festhälst, was schon immer da war oder alte Meinungen übernimmst anstatt einen anderen Blickwinkel einzunehmen. Bei bestimmten Themen muss man sich nicht unbedingt klar für Pro oder Contra entscheiden, sondern man kann auch gleichzeitig auf positive und negative Aspekte hinweisen. Zu sagen „Ich darf alles, was ich will“ ist weder differenziert noch reflektiert und wirkt trotzig. Du willst doch auch Neues lernen und dich weiterentwickeln, aber das wirst du nicht, indem du andere Meinungen kategorisch ablehnst und deinen ersten Impuls nicht hinterfragst. Indem du dich in die Position einer anderen Person hineinversetzt, wirst du nichts verlieren, sondern ganz viel gewinnen!

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