manchmal wollen wir nicht, was wir zu wollen glauben

es ist immer sehr leicht, mit pseudophilosophischen Phrasen um sich zu werfen und zu hoffen, dass das Gegenüber sich wie durch ein Wunder besser fühlt. Doch wenn man selbst mit der eigenen Enttäuschung und dem eigenen Schmerz umgehen muss, weil man etwas verloren oder nicht bekommen hat, dann helfen weise, aufbauende Sprüche nicht wirklich viel. Ich weiß es, denn wie alle habe ich diese Erfahrung mehr als einmal machen müssen. Ob es um den für den Moment scheinbar perfekten Job, den Traummann oder eine Möglichkeit geht, die mich bei meiner Selbstverwirklichung weiterbringen soll, es fühlt sich jedes Mal ein wenig so an, als hätte ich versagt.

Gestern wollte ich einen Freund trösten, der dieses Jahr viel verloren hat. Ich habe es versucht, aber ich weiß nicht, ob meine Worte Trost gespendet haben. Wenn es darum geht, jemandem Mut zu machen, habe ich häufig Angst, zu viel zu reden und nicht genug zu sagen. Nach dem Nachrichtenaustausch mit ihm fragte ich mich, was mir die letzten Jahre geholfen haben und wie es mir jetzt mit all den verpassten Chancen geht. Wie wäre mein Leben heute, wenn ich alles bekommen hätte, was ich gewollt habe?

Im Winter 2016 habe ich mich für einen Job in Vietnam beworben, weil ich die Vorstellung toll fand, mein Geburtsland aus einer anderen Perspektive kennenzulernen, die Sprache zu verbessern und gelegentlich durch Asien zu reisen. Der Bewerbungsprozess zog sich jedoch hin bis April 2017 und ich bekam erst eine Einladung zum Vorstellungsgespräch, als ich bereits einen anderen Arbeitsvertrag unterschrieben hatte. Ich habe mich danach manchmal geärgert, Ausreden gefunden zu haben um das Ziel nicht weiterzuverfolgen und mich oft gefragt, ob die Entscheidung positiv ausgefallen wäre, wenn ich die Einladung angenommen hätte. Bei einem Glas Wein mit einer Freundin fragte sie mich, ob ich glaube, dass ich gezögert hätte, wenn ich den Job wirklich gewollt hätte. Tatsächlich wäre es ein großer Schritt gewesen und im Nachhinein wurde mir klar, dass ich zu dem Zeitpunkt nicht bereit dafür war. Vielleicht habe ich deshalb keine überzeugende Bewerbung geschrieben und wurde folgerichtig nicht früher eingeladen. Vielleicht gab es dafür auch andere Gründe, die nichts mit mir zu tun hatten, aber dass ich doch in Deutschland geblieben bin, war eine gute Entscheidung. Ich hätte so viele Menschen nicht getroffen, die immer noch eine große Rolle in meinem Leben spielen. Ich hätte viele Erlebnisse nicht gehabt, die mich so bereichert haben. Ja, ich hätte andere Erfahrungen gemacht, andere Menschen getroffen, aber dann wäre mein Leben anders geworden und ich wüsste nicht, ob ich immer noch so zufrieden wäre.

„Die Gelegenheit kommt wieder und das nächste Mal wirst du dafür bereiter sein“, sagte die Freundin. „Manchmal bekommen wir nicht, was wir wollen, weil wir etwas Besseres verdient haben.“ Etwas Besseres, oder etwas, das besser zu uns passt.

Der Job in Vietnam war nicht das einzige, was ich nicht bekommen habe. Die Liste ist lang, aber um ehrlich zu sein trauere ich weder einer Gelegenheit noch einem Mann nach. Nicht mehr. Natürlich war ich im ersten Moment immer traurig und das durfte ich auch sein, aber nach jeder Trauerphase zeigten sich mir neue Möglichkeiten. Möglichkeiten, die ich nicht entdeckt hätte, wenn ich einen anderen Weg eingeschlagen hätte.

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